Matthias Klatt und Sabine Koller (Hrsg.):
Lehre als Abenteuer.
Anregungen für eine bessere Hochschulausbildung
Campus: Frankfurt am Main 2012.

Inhalt:

Gute Lehre ist seit der Hochschulreform ein Dauerthema: Sie wird von Universitäten und Wissenschaftspolitik gefördert und in didaktischen Veranstaltungen propagiert. Doch lässt sie sich weder herbeireden noch verordnen. Gute und erfolgreiche Lehre beginnt beim einzelnen Dozenten, seiner fachlichen Kompetenz, seiner Begeisterung und seinem Ideenreichtum. Genau hier, beim persönlichen Engagement, setzt dieser Band an. In 40 Essays berichten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler quer durch die Disziplinen, wie sie innovative Lehransätze für sich entdeckt sowie Lehrkonzepte und -formate entwickelt und umgesetzt haben. Sie zeigen von der Amerikanistik bis zur Zoologie, wie man forschend und zugleich praxisorientiert lehrt. Der Band versammelt renommierte Wissenschaftler wie Ute Frevert, Wolfgang Frühwald und Margret Wintermantel, mehrere Ars-legendi-Preisträger und viele Mitglieder der Jungen Akademie und er lässt auch Studierende zu Wort kommen. Ein Projekt der Jungen Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina.

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Leseprobe

Konjunktur und Krise der guten Lehre drücken sich in drei viel diskutierten Kontroversen aus, denen wir auch in den Beiträgen dieses Buches wiederbegegnen. Erstens: Bologna versus Humboldt, oder ganzheitliches Bildungsideal versus Verschulung. Der Bologna-Prozess hat durchaus positiv zu einer Praxisorientierung der Lehre geführt und damit zu einer stärkeren O­rientierung an der Realität der Studierenden. Als Kehrseite der Modularisierung ist jedoch eine Verschulung zu beklagen, die das Zeitkonto der S­tudierenden überfrachtet und den Spielraum für Entdeckungen abseits struk­turier­ter Module einengt. Das von Bologna gesteckte Ziel einer marktgerechten Hochschulausbildung wird polemisch als “Abrichtung” kritisiert – Ausbilden lassen sich Hunde, Studierende sollten davon verschont bleiben. Es wird das Phänomen des “Bulimie-Lernens” beobachtet und eine geradezu zwanghafte Ökonomisierung des Lernverhaltens der Studierenden. Angesichts dessen habe eine ganzheitliche Ausbildung nach dem Humboldtschen Ideal keine Chance mehr. Zweitens: Mediale Vielfalt versus Edutainment. Diese Kontroverse kreist um die Rolle neuer Medien in den verschiedensten Spielarten des E-Learning. Die Beiträge liefern eine Reihe von anregenden Anwendungsbeispielen nicht nur für die Informatik, sondern auch für die Fächer Physik, Rechtswissenschaften und Politikwissenschaft. Die prägnante Kritik lautet dagegen, Lehre mutiere bei zu großem Medieneinsatz zum “Edutainment”, fördere bei Studierenden eine Konsumhaltung und reduziere die Lehrperson auf eine Mischung aus Zirkusdirektor, Filmvorführer und Klassenclown. Drittens: Freiheit versus Bürokratie in strukturierten Doktorandenprogrammen. Hier, so eine kritische Stimme, werde die Forschungsfreiheit bürokratisiert und formalisiert. Jeder Doktorand sei sich selbst verantwortlich, kein Programm könne ihm das abnehmen. Und ein notorisch abwesender Promotionsbetreuer werde so auch nicht herbeigezaubert. Die gegenläufige Position fordert Verbesserungen dieser Programme und weist auf die mangelnde Reputation guter Promotionsbetreuung sowie auf fehlende Anreizsysteme hin. Einerseits werden Angebote zur Stärkung der Schlüsselqualifikationen in der Doktorandenausbildung begrüßt, andererseits wird vor Verschulung und Stromlinienförmigkeit gewarnt. Diese und andere Kontroversen muten uns Lehrenden heute unzählige Positionierungen zu: Wir müssen uns zu diesen Gegensätzen verhalten. Die Aufgabe löst nicht, wer indifferent bleibt – eine im Hochschulbetrieb leider häufig gewählte Umgehung des Problems. Damit sind wir bei denen angelangt, die in Zeiten struktur- und instrumentenorientierter Hochschulsteuerung gerne übersehen werden: den einzelnen Lehrenden. Sie sind es nämlich, die gute Lehre erst produzieren und umsetzen. Und so wollen wir die Lehrenden und ihre intensive (Selbst-)Reflexion guter Lehre auch in den Mittelpunkt dieses Buches stellen. Die Autorinnen und Autoren erzählen von Versuchen, für sich, für das eigene Fach und für die Studierenden individuell einen richtigen Weg und eine geeignete Methode zu finden. Sie alle berichten von individuell festgesetzten Lehrinhalten und -zielen. Die entscheidende Rolle im Vermittlungsprozess spielen die Lehrpersonen, ihre Persönlichkeit und ihre Herangehensweise. Das heißt nicht, dass Hochschulen und Förderinstitutionen die Hände in den Schoß legen können. Sie müssen alles daransetzen, die bestehende Situation zu verbessern und erfolgversprechende Lehrkonzepte zu fördern. Sie sollten sich dabei aber viel weniger als bisher auf Großstrukturen konzentrieren, sondern auf diejenigen, die vorne im Hörsaal oder im Seminarraum stehen: Bei den Lehrenden selbst sollten die unterstützenden Ressourcen ankommen. Durch den sinnvollen Einsatz von Studiengebühren können Lehrpersonen zeitlich und organisatorisch entlastet werden. So bleibt Zeit für das Wesentliche: für gute Lehre und für gute Betreuung der Studierenden. Für beides, für den Hörsaal und für das Einzelgespräch, möchten wir in diesem Buch Möglichkeiten aufzeigen. Wir verstehen es als Vademekum, das man mit sich führen, das einen auf neue Pfade innovativer und gelungener Lehre führen kann. Alphabetisch sortiert und in sich vernetzt, will es neugierig machen auf Beispiele guter Lehre, Anregungen bieten und Lust machen auf Veränderungen in der eigenen Lehrpraxis. Patentrezepte für “gute Lehre”, die es ohnehin nicht gibt, halten wir nicht bereit. Zu verschieden sind die einzelnen Disziplinen und ihre Zielsetzungen, zu verschieden die einzelnen Bachelor- und Masterstudiengänge. Das Buch steht für die conditio sine qua non wissenschaftlichen Arbeitens: für Neugierde und Entdeckerfreude, für das Abenteuer. Ein Freibrief für Beliebigkeit ist das nicht. Zwar zieht die Individualität der Lehrerfahrungen und -reflexionen unweigerlich Diversität nach sich. Doch sind viele der 2010 und 2011 entstandenen Beiträge durch unsichtbare Fäden miteinander verknüpft. Einige davon haben wir durch farbige Lesepfade kenntlich gemacht. Andere werden Sie mit Ihrem je spezifischen Erfahrungsschatz selbst entdecken. Gute Lehre lässt sich nicht von oben verordnen. Sie stellt sich auch nicht allein durch das Absolvieren hochschuldidaktischer Kurse ein. Sie erwächst aus den Bemühungen und Zielsetzungen eines jeden Einzelnen. Dann folgen – im fachspezifischen Kontext – Experimente an der Basis des Lehrens. Genau dies, die individuelle Basis guter Lehre, will das Buch anschaulich machen. Gelingende Lehre ist ein Abenteuer für alle Beteiligten, eine Entdeckungsreise, ein kreativer Erkenntnisprozess.