Jura und Bologna

Neuer Post von Prof. Dr. Matthias Klatt im Bologna Blog der Jungen Akademie: Die Verweigerer. In Jura findet Bologna nicht statt

Die Verweigerer. In Jura findet Bologna nicht statt. Beitrag für den Bologna-Blog der Jungen Akademie

Ganz Europa ist von Bologna reformiert. Ganz Europa? Nein! Ein von unbeugsamen Menschen bevölkertes Fach hört nicht auf, Widerstand zu leisten: die deutsche Rechtswissenschaft.

Während sich andere Fakultäten bereits der dritten Überarbeitungsrunde ihrer Bologna-Konzepte widmen, verweigern sich die deutschen juristischen Fakultäten dem Reformprozess. So beschloss der Deutsche Juristen-Fakultätentag im Jahre 2008 unter der Überschrift Juristenausbildung nach dem Scheitern des Bologna-Prozesses: „Der Deutsche Juristen-Fakultätentag lehnt diesen Bruch mit einer mehr als 800-jährigen europäischen Tradition ab. Seine Konsequenzen für die Rechtswissenschaft, das Ausbildungsniveau der Juristen und die Gesellschaft sind unabsehbar und würden Deutschland darüber hinaus isolieren.“

Man argumentiert nach dem Motto: Das haben wir schon immer so gemacht. Damit ist ein Grund beschrieben, der für die breite Ablehnung der Bologna-Reform in den juristischen Fakultäten Deutschlands eine erhebliche Rolle spielt: Der Struktur-Konservativismus der Jurisprudenz. Man werfe nur einen Blick auf den Umgang mit neuen Nachwuchsfördermodellen an deutschen juristischen Fakultäten. Es dürfte kein Fach geben, in dem so wenig Juniorprofessuren oder Nachwuchsgruppenleiterstellen eingerichtet wurden.

Abgesehen von dieser generellen Reformresistenz ist es ein Anliegen vieler Gegner der Reform, den sogenannten Einheitsjuristen zu erhalten – ein Konzept, das alle Rechtskandidaten einer einheitlichen staatlichen Prüfung unterwirft und damit insbesondere die zukünftigen Richter und Staatsanwälte durch einheitliche Standards ausbildet.

Schaut man genauer hin, so fallen viele Gegenargumente rasch in sich zusammen. Es ist schon im Ansatz nicht plausibel, dass sich ein Fach wie die Rechtswissenschaften, das auch inhaltlich erheblichen Internationalisierungs- und Europäisierungseinflüssen ausgesetzt ist, auf Dauer einer internationalen Anschlussfähigkeit wird entziehen können.

Vereinzelt sind positive Beispiele entstanden. So haben sich die Fakultäten in Mannheim und Dresden dem Bologna-Prozess geöffnet. Auch meine Hamburger Fakultät bietet seit dem letzten Wintersemester zwei interdisziplinäre und praxisbezogene Bachelor of Laws – Studiengänge an. An allen Schweizer Rechtsfakultäten wiederum wird seit 2006 nach dem Bologna-Modell unterrichtet. Dass dies zum Niedergang der Rechtspflege in der Schweiz geführt hätte, ist mir nicht bekannt.

Die mangelnde Innovationsfähigkeit der juristischen Fakultäten in Deutschland ist auch deswegen fatal, weil das Fach dadurch insgesamt im internationalen und inneruniversitären Wettbewerb der Fächer erheblich ins Hintertreffen gerät. Es wird auf eine Fülle von Innovationsanreizen in Richtung auf mehr Internationalität, mehr Interdisziplinarität und mehr Qualität in der Lehre sowie auf Kreativitätspotentiale verzichtet.

Das alles überascht auch deswegen, weil Bologna die Wiege der europäischen Rechtswissenschaft ist. Dort ist das Fach im 11. Jahrhundert überhaupt erst entstanden.

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